Die Jahre um 1546 können als Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit gesehen werden. Bewährte Gepflogenheiten der alten Zeit hatten sich noch erhalten, jedoch drang neues Wissen unaufhaltsam in alle Lebensbereiche ein. Die gebildeten Menschen stellten sich zunehmend auch in der Kirche Fragen. Die bekanntesten „Denker“ dieser Zeit waren beispielsweise Martin Luther (D), Huldrych Zwingli (ZH) oder Johannes Comander (GR). Sie vertraten andere Ansichten als die offizielle Kirche und so kam es nach und nach zur Kirchenspaltung. In Graubünden wurde der reformierte Glaube 1526 neben dem katholischen Glauben als gleichberechtigt anerkannt. 1618 brach der „Dreissigjährige Krieg“ aus. Die Bündner Wirren führten 1622 dazu, dass mit dem Einzug der Österreicher und Spanier Graubünden zum Untertanenland der beiden Grossmächte wurde.

Markus Roy – Fidelis von Sigmaringen

1578 wurde Markus Roy in Sigmaringen geboren. Sein Vater Hans war mit Genoveva aus dem protestantischen Tübingen verheiratet. Markus wuchs mit mindestens fünf Geschwistern auf. Als er 13 Jahre alt war, starb sein Vater unerwartet. Kurze Zeit später ging seine Mutter eine neue Ehe im evangelischen Ebingen ein und wechselte wahrscheinlich ihren Glauben. 

Markus war ein ausgezeichneter Schüler und Student. Er studierte Rechtswissenschaft. Seine Arbeit als Jurist befriedigte Markus jedoch nicht und er beschloss, sein Leben zu verändern. 1612 bat er bei den Kapuzinern um Aufnahme. Er bekam den Namen „Fidelis“ und studierte Theologie. 1617 schloss er dieses erfolgreich ab und wurde als Beichtvater und Prediger nach Altdorf versetzt. Sein Predigttalent wurde schnell über die Region hinaus bekannt. Wegen seiner aussergewöhnlichen Eigenschaften wurde er am 20. September 1618 zum Guardian des Klosters Rheinfelden und später Feldkirch gewählt. 1621 führte Fidelis ein Sonderauftrag in die graubündnerische „Herrschaft“. Die Habsburger instrumentalisierten die Religion und wollten mit ihr den Einfluss im Gebiet stärken, während das katholische Frankreich und Venedig die Reformierten unterstützen. Wer gerade an der Macht war, versuchte die Anderen zu unterdrücken. Für die Umsetzung der Rekatholisierung im Prättigau wurde Pater Fidelis erwählt.

Das Volk im Prättigau wurde von den reformierten Pfarrern aufgefordert, jeden Umgang mit den Kapuzinern zu vermeiden. Der Gouverneur wiederum forderte die Gemeinden, die Kapuziner freundlich aufzunehmen. Dies führte dazu, dass die Reformierten beschlossen, sich zu wehren. Fidelis war sich seiner schwierigen Situation bewusst. Er arbeitete hart und überlegte immer wieder, wie er die Leute überzeugen konnte. Dabei vergass er aber nie die kranken und armen Menschen. Auch wenn es um Hilfestellungen ging, machte er auch bei Andersgläubigen keine Ausnahme. 

Was am 24. April genau geschehen ist, kann historisch nicht genau gesagt werden und ist umstritten. Es existieren verschiedene Sichtweisen auf die Ereignisse. Tatsache ist, dass Fidelis bewusst war, dass er einen schwierigen Auftrag umzusetzen hatte. Gemäss Erzähulung besuchte er eine Gemeindeversammlung in Seewis. Dort musste er seine seine Rede wegen Pfiffen abbrechen. Trotzdem folgte er der Einladung am 24. April in Seewis zu predigen. Während der Predigt soll ein Tumult ausgebrochen sein. Wahrscheinlich musste Fidelis, nachdem eine Flintenkugel die Kanzel während der Predigt traf, fliehen. Unterhalb der Kirche (wo sich heute der Fidelis-Brunnen befindet) wurde er umzingelt. Ein Rebell erhob sein Schlachtschwert und drang damit tief in den Hinterkopf von Fidelis ein. Dieser sank blutüberströmt auf den Boden. 

Passt Fidelis in die heutige Zeit?

In seiner letzten Predigt verwies Fidelis auf Eph 4,5-6: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“. Damals eine Provokation. Heute können wir diesen Vers aber neu interpretieren: Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Traditionen das Evangelium zu verkünden. Was alle Christen miteinander verbindet ist der eine Glaube an Jesus Christus. Während die katholische Kirche den Protestantismus früher als Bedrohung wahrnahm, können die beiden Konfessionen heute gegenseitig voneinander profitieren und lernen.  Es ist eine Vielfalt in der Einheit entstanden und somit ist ein gemeinsames Miteinander eine Bereicherung. Wir beschäftigen uns heute mit ähnlichen Fragen, stehen aber in einem anderen Kontext. Wer sich heute mit Fidelis auseinandersetzt, muss auch seine Stellung zur Ökumene klären und sich mit der Pluralität der Gesellschaft auseinandersetzen.